Bereitschaftspflege in Österreich: Was Krisenpflegeeltern wirklich erwartet
Bereitschaftspflege in Österreich: Was Krisenpflegeeltern wirklich erwartet
Ein Anruf um 22 Uhr. Ein Kind, vier Jahre alt, das die nächsten Stunden irgendwo schlafen muss, weil zu Hause eine akute Gefahrensituation eingetreten ist. Für dieses Kind braucht die Kinder- und Jugendhilfe jemanden, der sofort bereit ist, die Tür zu öffnen.
Das ist Bereitschaftspflege — auch Krisenpflege genannt. Sie ist eine der anspruchsvollsten Formen der Pflegeelternschaft, aber auch eine der wirkungsvollsten.
Was ist Bereitschaftspflege?
Bereitschaftspflege (oder Krisenpflege) ist die sofortige Aufnahme von Kindern in akuten Notsituationen. Sie dient der kurzfristigen Unterbringung, während die Kinder- und Jugendhilfe die weitere Perspektive des Kindes klärt.
Kernmerkmale:
- Kurzfristige Aufnahme: Die Verweildauer beträgt in der Regel einige Tage bis maximal einige Monate — in Österreich üblicherweise zwischen vier Monaten und eineinhalb Jahren.
- Unplanbarkeit: Aufnahmen können jederzeit, auch nachts oder am Wochenende, erfolgen.
- Unbekannte Vorgeschichte: Bereitschaftspflegeeltern wissen zu Beginn meist wenig über das Kind — seine Geschichte, seine Bindungserfahrungen, mögliche Traumata.
- Temporärer Charakter: Das Ziel ist die Klärung der weiteren Perspektive (Rückkehr zur Familie, Dauerpflege, Adoption) — nicht die dauerhafte Betreuung.
Wo ist der Bedarf am größten?
In Oberösterreich gab es zuletzt rund 29 Bereitschaftspflegefamilien — bei stark steigendem Bedarf in Bezirken wie Ried und Schärding. Wien verfügt über spezialisierte Krisenzentren der MA 11, aber auch über private Bereitschaftspflegefamilien, die in das Wiener Netzwerk integriert sind. In der Steiermark ist der Bedarf an Krisenplätzen ebenfalls hoch.
Im Jahr 2024 stieg die Zahl der Gefährdungsabklärungen in Österreich auf 53.162 — ein Plus von 5,8 % gegenüber dem Vorjahr. Das deutet darauf hin, dass die Nachfrage nach Bereitschaftspflegeplätzen weiter zunehmen wird.
Voraussetzungen für Bereitschaftspflegeeltern
Die Voraussetzungen ähneln jenen für reguläre Pflegeeltern — aber mit einer entscheidenden Zusatzanforderung: Flexibilität und Belastbarkeit müssen deutlich ausgeprägter sein.
Formale Voraussetzungen:
- Strafregisterauszug (inkl. Sonderauskunft)
- Gesundheitszeugnis
- Einkommensnachweise und Wohnsitznachweis
- Pflegebewilligung nach dem jeweiligen Landesgesetz
Persönliche Voraussetzungen, die in der Praxis besonders geprüft werden:
- Fähigkeit, Kinder anzunehmen, ohne deren Geschichte zu kennen
- Stabile Partnerschaft (bei Paaren) — ein kurzfristig aufgenommenes Kind unter Stress testet die Beziehung
- Kein eigener unverarbeiteter Verlust oder Trennungsschmerz in der Biografie
- Klare Haltung zum Abgeben: Bereitschaftspflegeeltern müssen in der Lage sein, das Kind loszulassen
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Der emotionale Kern: Loslassen als Aufgabe
Das Schwerste an der Bereitschaftspflege ist nicht das Aufnehmen — es ist das Loslassen. Krisenpflegeeltern bauen in kurzer Zeit intensive Bindungen auf, müssen das Kind aber abgeben, wenn die KJH die weitere Unterbringung klärt. Manchmal kehrt das Kind zur leiblichen Familie zurück. Manchmal kommt es in eine Dauerpflegefamilie oder ein Heim.
Wer Bereitschaftspflege macht, muss mit dieser Wiederholung umgehen können. Das ist keine Schwäche — es ist eine professionelle Haltung, die gelernt und kultiviert werden muss.
Erfahrungsberichte von Krisenpflegeeltern (wie jene von Viktoria aus Linz, die im Krone-Magazin berichtete) beschreiben die Arbeit als "Berufung" — mit dem Bewusstsein, dass man in einer Phase des Lebens eines Kindes wichtig war, auch wenn man nicht dauerhaft dabei bleibt.
Krisenpflege als Einstieg in die Dauerpflege
Viele Bereitschaftspflegeeltern entscheiden sich nach einer oder mehreren kurzen Betreuungen für die Dauerpflege. Manchmal ist es das konkrete Kind aus der Krisenpflege, das sie nicht mehr loslassen möchten — und das Pflegeverhältnis wird in eine Langzeitpflege umgewandelt.
Das ist möglich, aber es ist kein Automatismus. Die KJH entscheidet, ob das Kind in der Bereitschaftspflegefamilie verbleibt oder in eine spezialisierte Dauerpflegefamilie wechselt.
Finanzielle Abgeltung in der Bereitschaftspflege
In Wien und Oberösterreich gibt es Anstellungsmodelle, die auch "Stehzeiten" — also Zeiten ohne aktuell betreutes Kind — finanziell abdecken. Das ist die professionalisierteste Form und zieht Bereitschaftspflegeeltern an, die die Tätigkeit als Beruf verstehen.
Außerhalb dieser Anstellungsmodelle erhalten Bereitschaftspflegeeltern in der Regel ein erhöhtes Pflegekindergeld — da der Aufwand und die Unplanbarkeit der Krisenpflege finanziell anerkannt wird. Die genaue Höhe variiert je nach Bundesland und Alter des Kindes.
Erster Schritt: Kontakt aufnehmen
Wenn Sie Bereitschaftspflege in Betracht ziehen, ist der erste Schritt die Kontaktaufnahme mit der zuständigen KJH Ihres Bundeslandes. In Wien: MA 11 bzw. EfKÖ. In den anderen Bundesländern: die jeweiligen Fachabteilungen oder Organisationen wie SOS-Kinderdorf Salzburg, die spezialisierte Bereitschaftspflegefamilien ausbilden.
Fragen Sie explizit nach Informationsveranstaltungen zur Krisenpflege — die Anforderungen und die Begleitung unterscheiden sich von der regulären Pflegeelternschaft, und ein gezielter Infoabend hilft, die richtige Entscheidung zu treffen.
Im vollständigen Ratgeber erfahren Sie mehr über die psychologischen Anforderungen der Bereitschaftspflege, wie Sie die Eignungsprüfung vorbereiten und was nach dem ersten Anruf passiert: Pflegefamilie & Adoption in Österreich.
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