Verwandtenpflege in Deutschland: Antrag, Pflegegeld und Rechte der Großeltern
Verwandtenpflege in Deutschland: Antrag, Pflegegeld und Rechte der Großeltern
Rund 22 Prozent aller Pflegeverhältnisse in Deutschland sind Verwandtenpflege — Kinder, die bei Großeltern, Geschwistern, Tanten oder Onkeln leben, weil die Eltern vorübergehend oder dauerhaft nicht in der Lage sind, sie zu versorgen. Diese Familien geraten oft in das System, ohne vorbereitet zu sein. Ein Anruf des Jugendamts, manchmal mitten in der Nacht — und plötzlich sind Großeltern in einer Situation, für die niemand sie ausgebildet hat.
Dieser Artikel erklärt, was bei der Verwandtenpflege rechtlich gilt, wie der Antrag läuft und auf welche finanzielle Unterstützung Verwandte Anspruch haben.
Was ist Verwandtenpflege rechtlich?
Verwandtenpflege ist die Unterbringung eines Kindes bei Personen, die mit ihm bis zum dritten Grad verwandt oder verschwägert sind. Das umfasst:
- Großeltern (zweiter Grad)
- Geschwister (zweiter Grad)
- Tanten und Onkel (dritter Grad)
- Schwiegereltern, Schwager, Schwägerin (bis dritten Grad verschwägert)
Der rechtliche Rahmen ist § 44 Abs. 1 SGB VIII: Verwandte und Verschwägerte bis zum dritten Grad benötigen keine formale Pflegeerlaubnis, um ein Kind aufzunehmen. Das Jugendamt ist dennoch befugt — und verpflichtet —, die Eignung zu prüfen, wenn es sich um eine Hilfe zur Erziehung nach § 27 SGB VIII handelt.
Darüber hinaus schreibt § 27 Abs. 2a SGB VIII (eingeführt durch das KJSG 2021) vor, dass das Jugendamt im Rahmen der Hilfeplanung vorrangig prüfen muss, ob eine Unterbringung im sozialen Netzwerk — also bei Verwandten — möglich und geeignet ist, bevor eine Fremdunterbringung erfolgt.
Antrag auf Verwandtenpflege: Wie läuft das ab?
Der Prozess beginnt fast immer beim Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) des zuständigen Jugendamts. Entweder nimmt das Jugendamt Kontakt zu Ihnen auf — weil es einen Platz für das Kind sucht — oder Sie melden sich selbst, weil ein Kind in Ihrer Familie in einer Krisensituation ist.
Typischer Ablauf:
- Erstgespräch mit dem ASD: Das Jugendamt erklärt die Situation des Kindes und fragt, ob Sie bereit sind, das Kind aufzunehmen.
- Eignungsprüfung: Auch wenn Sie keine formale Pflegeerlaubnis brauchen, prüft das Jugendamt Ihre Eignung — durch Hausbesuche, Gespräche und die Einholung von Führungszeugnissen.
- Hilfeplanverfahren (§ 36 SGB VIII): Wenn die Verwandtenpflege als Hilfe zur Erziehung bewilligt wird, wird ein Hilfeplan erstellt, der die Ziele, die Betreuungsform und die finanzielle Unterstützung regelt.
- Abschluss einer Pflegevereinbarung: Zwischen Ihnen und dem Jugendamt wird eine Vereinbarung geschlossen, die Ihre Aufgaben und die Leistungen des Jugendamts regelt.
Wenn es keine Hilfe zur Erziehung gibt — also das Jugendamt nicht formal eingeschaltet ist und keine Jugendhilfeleistungen fließen — gibt es zwar keine Pflegevereinbarung, aber auch keinen Pflegegeldanspruch.
Pflegegeld bei Verwandtenpflege
Hier liegt eine der häufigsten Unsicherheiten: Haben Verwandte Anspruch auf Pflegegeld?
Ja — wenn das Pflegeverhältnis im Rahmen einer Hilfe zur Erziehung nach § 33 SGB VIII erfolgt, haben Verwandte grundsätzlich denselben Anspruch auf Pflegegeld nach § 39 SGB VIII wie Fremdpflegeeltern.
Aber: In der Praxis gibt es erhebliche regionale Unterschiede. In einigen Bundesländern — zum Beispiel in Teilen von Rheinland-Pfalz — wird das Pflegegeld bei Verwandtenpflege pauschal um bis zu 30 Prozent gekürzt. Der Deutsche Verein empfiehlt ausdrücklich, Verwandten dasselbe Pflegegeld wie Fremdpflegefamilien zu zahlen. Manche Jugendämter setzen das um, andere nicht.
Wann gibt es kein Pflegegeld? Wenn das Kind ohne offiziellen Jugendhilfebeschluss bei Verwandten lebt — also informell —, besteht kein Anspruch auf Pflegegeld. Das Jugendamt muss die Hilfe zur Erziehung offiziell bewilligen, damit Leistungen fließen.
Wenn Ihnen das Jugendamt nur ein reduziertes Pflegegeld anbietet oder den Anspruch ganz verneint, sollten Sie das schriftlich anfechten — und sich rechtlich beraten lassen.
Free Download
Get the Germany — Quick-Start Checklist
Everything in this article as a printable checklist — plus action plans and reference guides you can start using today.
Verwandtenpflege ohne Jugendamt: Möglichkeit und Risiken
Wenn Eltern das Kind freiwillig und privatrechtlich zu Verwandten geben — ohne Einschaltung des Jugendamts —, handelt es sich nicht um eine Hilfe zur Erziehung. Das Jugendamt ist dann nicht beteiligt, es gibt kein Pflegegeld und keine offizielle Begleitung.
Das kann sinnvoll sein, wenn die Eltern das Sorgerecht behalten, die Situation temporär ist und die Verwandten kein Geld benötigen. Sobald die Situation jedoch eskaliert oder unklar wird, empfiehlt es sich, das Jugendamt einzubeziehen — auch um das Kind rechtlich abzusichern.
Sorgerecht bei Verwandtenpflege
Das Sorgerecht verbleibt in der Verwandtenpflege in der Regel bei den leiblichen Eltern, sofern diese es nicht verwirkt haben. Verwandte, die ein Kind aufnehmen, haben damit dieselbe rechtliche Ausgangssituation wie Fremdpflegeeltern: Sie entscheiden in Alltagsfragen (Schule, Arzttermine, Freizeitaktivitäten) selbstständig nach § 1688 BGB — aber wesentliche Entscheidungen (Schulformwahl, Operationen, Reisen ins Ausland) erfordern die Zustimmung der Sorgeberechtigten.
Wenn eine dauerhaftere Absicherung gewünscht ist — zum Beispiel weil die Eltern unzuverlässig sind oder gefährdend wirken —, können Verwandte beim Familiengericht die Übertragung der elterlichen Sorge beantragen. Das ist ein eigenständiges Verfahren, das nichts mit dem Jugendamtsprozess zu tun hat, aber von einem Familienrechtsanwalt begleitet werden sollte.
Beratung und Unterstützung für Verwandtenpflegefamilien
Seit dem KJSG 2021 haben Pflegepersonen — ausdrücklich auch Verwandte — nach § 37a SGB VIII einen eigenständigen Rechtsanspruch auf Beratung und Unterstützung durch das Jugendamt, unabhängig davon, ob eine Hilfe zur Erziehung formal bewilligt wurde.
Das bedeutet: Auch wenn Sie als Großeltern das Enkel informell aufnehmen, können Sie sich an den Pflegekinderdienst wenden und Beratung einfordern.
Zusätzlich bieten Verbände wie der PFAD Bundesverband oder regionale Selbsthilfegruppen Unterstützung speziell für Verwandtenpflegefamilien an — oft in Form von Stammtischen oder Telefonberatung.
Für eine vollständige Übersicht der finanziellen Leistungen, der rechtlichen Grundlagen und der häufigsten Fragen zur Verwandtenpflege empfehlen wir den Pflegefamilien-Ratgeber für Deutschland.
Get Your Free Germany — Quick-Start Checklist
Download the Germany — Quick-Start Checklist — a printable guide with checklists, scripts, and action plans you can start using today.