Pflegeformen in NRW: Bereitschaftspflege, Vollzeitpflege und Verwandtenpflege erklärt
Pflegeformen in NRW: Bereitschaftspflege, Vollzeitpflege und Verwandtenpflege erklärt
"Pflegekind aufnehmen" klingt nach einer einheitlichen Sache. In Wirklichkeit gibt es in NRW mindestens fünf verschiedene Formen der Pflegeelternschaft — mit unterschiedlichen Anforderungen, Laufzeiten, Betreuungsintensitäten und finanziellen Leistungen. Welche davon zu Ihnen passt, hängt von Ihrer Lebenssituation, Ihrer Belastbarkeit und dem Kind ab, das Sie aufnehmen möchten.
Vollzeitpflege (Dauerpflege)
Die Vollzeitpflege ist das, was die meisten Menschen meinen, wenn sie von "Pflegekindern" sprechen. Das Kind zieht dauerhaft in die Pflegefamilie ein — oft bis zur Volljährigkeit und manchmal darüber hinaus.
Grundlage: § 33 SGB VIII (Hilfe zur Erziehung in Vollzeitpflege)
Charakteristika:
- Das Kind lebt langfristig bei Ihnen, meist mehrere Jahre
- Ziel ist eine stabile Lebensform, keine temporäre Lösung
- Der Hilfeplan legt die Ziele fest und wird mindestens jährlich fortgeschrieben
- Umgangskontakte mit der Herkunftsfamilie sind in der Regel Teil des Alltags
- Eine Rückkehr zur Herkunftsfamilie ist möglich, wird aber bei gut funktionierenden Dauerpflegeverhältnissen seltener angestrebt
Pflegegeld 2026 (NRW):
| Alter | Gesamtbetrag monatlich |
|---|---|
| 0 bis 5 Jahre | 1.203 € |
| 6 bis 11 Jahre | 1.362 € |
| 12 bis 17 Jahre | 1.511 € |
Die Vollzeitpflege ist die häufigste Pflegeform in NRW. In 2024 wurden über 17.000 Kinder in NRW in Obhut genommen — ein erheblicher Teil landet langfristig in Dauerpflegestellen.
Bereitschaftspflege (Kurzzeitpflege / Notaufnahme)
Bereitschaftspflege ist der schnellste und intensivste Einstieg in die Pflegeelternschaft. Sie stellen sich als "Bereitschaftsfamilie" zur Verfügung — und wenn das Jugendamt ein Kind in einer Notsituation herausnehmen muss, kommt es zu Ihnen, ohne lange Vorankündigung.
Wie lange bleibt das Kind? Meist nur wenige Wochen bis maximal drei Monate, während das Jugendamt die weitere Perspektive klärt: Rückkehr zur Familie? Dauerpflegeplatz?
Was das bedeutet:
- Sie müssen jederzeit erreichbar und aufnahmebereit sein
- Das Kind kommt oft ohne Vorgeschichte — Sie wissen wenig über das Kind, bevor es vor der Tür steht
- Abschiede sind regelmäßig Teil Ihrer Arbeit
- Dafür: Die Wartezeit nach der Eignungsprüfung ist kurz — Bereitschaftspflegeplätze werden in NRW dringend gesucht
Anforderungen: Die gleiche Eignungsprüfung wie für Dauerpflege, aber mit einem stärkeren Fokus auf Krisenresistenz, Flexibilität und emotionale Belastbarkeit. Mindestens ein Elternteil sollte überwiegend zu Hause sein können.
Pflegegeld: In NRW wird für Bereitschaftspflege oft ein erhöhter Tagessatz gezahlt, der über dem normalen Monatspauschalbetrag liegt. Die genauen Sätze variieren je nach Jugendamt.
Die LVR-Arbeitshilfe zur familiären Bereitschaftsbetreuung ist das Standarddokument für Jugendämter im Rheinland und beschreibt detailliert, welche Anforderungen an Bereitschaftspflegestellen gestellt werden.
Verwandtenpflege (Netzwerkpflege)
Verwandtenpflege liegt vor, wenn Großeltern, Geschwister, Tanten, Onkel oder andere nahestehende Personen ein Kind aufnehmen, das in seiner Herkunftsfamilie nicht mehr sicher aufwachsen kann.
In NRW wird diese Form der Pflege ausdrücklich gefördert — das LVR-Landesjugendamt hat eigene Empfehlungen zur Verwandten- und Netzwerkpflege herausgegeben.
Besonderheiten der Verwandtenpflege:
- Die gleichen Eignungskriterien gelten wie bei Fremdpflegeeltern — erweiterte Führungszeugnisse, Hausbesuch, Eignungsgespräche
- In der Praxis berücksichtigt das Jugendamt aber die bestehenden emotionalen Bindungen als Ressource
- Verwandtenpflegeeltern erhalten das gleiche Pflegegeld wie Fremdpflegeeltern
- Ein häufiges Problem: Die rechtliche Abgrenzung gegenüber den leiblichen Eltern ist schwieriger. Großeltern, die ein Enkelkind aufnehmen, stehen oft in einem Loyalitätskonflikt zwischen dem Kindeswohl und dem Wohl ihres eigenen Kindes (der leiblichen Mutter oder des Vaters)
Was Verwandtenpflegeeltern oft nicht wissen:
- Sie haben Anspruch auf denselben Hilfeplan und dieselbe Fachberatung wie Fremdpflegeeltern
- Sie können Pflegegeld beantragen — auch wenn das Kind von Anfang an bei Ihnen lebt
- Eine rückwirkende Genehmigung der Pflegestelle ist in manchen Fällen möglich, aber nicht garantiert
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Heilpädagogische Pflegestellen und Erziehungsstellen
Für Kinder mit besonderen Bedürfnissen — schwerwiegenden Entwicklungsstörungen, psychischen Erkrankungen oder körperlichen Behinderungen — gibt es in NRW spezialisierte Pflegeformen.
Heilpädagogische Pflegestellen erfordern eine pädagogische oder therapeutische Qualifikation mindestens eines Elternteils. Das Pflegegeld ist entsprechend höher — im LVR-Bereich bis zum 3,35-fachen Erziehungsbeitrag.
Erziehungsstellen sind eine Sonderform, die sich an der Grenze zwischen Pflegefamilie und stationärer Einrichtung bewegt. Sie erfordern eine sozialpädagogische Ausbildung und bieten intensivere Begleitung.
Westfälische Pflegefamilien (WPF) — exklusiv im LWL-Bereich
Das LWL-Landesjugendamt Westfalen hat ein eigenes Modell für besonders entwicklungsbeeinträchtigte Kinder entwickelt: die Westfälischen Pflegefamilien (WPF). Es richtet sich an Kinder, die den Übergang zwischen stationärer Einrichtung und normaler Pflegefamilie brauchen.
Besonderheiten:
- Intensive fachliche Begleitung durch freie Träger
- Höhere Pflegegeldsätze als in der normalen Vollzeitpflege
- Verpflichtende Fortbildungen
- Nur im Zuständigkeitsbereich des LWL-Landesjugendamts (Dortmund, Münster, Bielefeld, Bochum etc.)
Der WPF-Tagessatz wird regelmäßig durch Rundschreiben des LWL angepasst (zuletzt RS Nr. 9/2026).
Welche Form passt zu Ihnen?
| Pflegeform | Laufzeit | Intensität | Besondere Anforderung |
|---|---|---|---|
| Vollzeitpflege | Langfristig (Jahre) | Mittel–hoch | Dauerbindung, Herkunftskontakte |
| Bereitschaftspflege | Kurz (Wochen) | Sehr hoch | Flexibilität, Abschiede aushalten |
| Verwandtenpflege | Langfristig | Mittel | Familienkonflikt-Management |
| Erziehungsstelle | Langfristig | Sehr hoch | Päd. Qualifikation |
| WPF (LWL) | Langfristig | Sehr hoch | Päd. Qualifikation + LWL-Region |
Wenn Sie sich unsicher sind, welche Form zu Ihnen passt: Das Vorbereitungsseminar und die Gespräche mit dem Pflegekinderdienst helfen Ihnen dabei, das herauszufinden. Kein Jugendamt erwartet, dass Sie das von Anfang an wissen.
Den richtigen Einstieg finden
Unser NRW-Ratgeber erklärt alle Pflegeformen im Detail, zeigt die Unterschiede zwischen LWL und LVR und enthält eine Übersicht der Pflegegeldsätze für 2026 nach Pflegeform.
Zum Ratgeber: Pflegefamilie & Adoption in NRW — , sofort als PDF verfügbar.
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